Sonntag, 23. April 2017

Wieso ich den leidigen Kampf gegen Stereotype aufgegeben habe und es mir damit so viel besser geht

Auf meinem Blog habe ich ja bereits einiges über Anti-Rassismus und den kritischen Umgang mit dem eigenen Weiß-Sein geschrieben. Ich halte es für wichtig über diese Themen aufzuklären und Stellung zu beziehen. Heute erzähle ich dir aber, warum ich mittlerweile aufgehört habe gegen Stereotype zu kämpfen und was sich dadurch alles verändert hat.

Kurz zur Definition: Ein Stereotyp ist eine mentale Vereinfachung von komplexen Eigenschaften oder Verhaltensweisen von Personengruppen. Ein Vorurteil hingegen ist ein Urteil, das ohne vorherige Erfahrung über etwas gefällt wurde. Beide erfüllen für die Menschen die Funktion, Unsicherheit und Bedrohung psychisch abzuwehren. Sie dienen dazu, die Welt überschaubar zu machen, Komplexität zu reduzieren und schaffen so Sicherheit für das eigene Handeln.

Hier sind einige Stereotype über deutsch/afrikanische Paare (Frau weiß/Mann schwarz), denen ich bisher begegnet bin:

  • Der "ausländische" Partner wird keinen guten Job finden und sich stattdessen von seiner weißen Frau aushalten lassen bzw. allenfalls Hilfstätigkeiten ausüben.
  • Die weiße Frau ist naiv und leichtgläubig, wenn sie sich auf eine Beziehung mit einem Schwarzen einlässt. Es ist allgemein bekannt, dass dieser sie irgendwann sitzen lassen wird.
  • Schwarze werden in Deutschland niemals Fuß fassen können und andauernd Rassismus und Ausgrenzung erleben.
  • Der afrikanische Partner wird zu einer Belastung werden und den deutschen Partner "runterziehen". Dieser verbaut sich dadurch seine vielversprechende Zukunft.
Lange Zeit habe ich versucht zu beweisen, dass es sich dabei um rassistische Verallgemeinerungen handelt, die nicht zwangsläufig der Wahrheit entsprechen. Ich fühlte mich kategorisiert und schlichtweg verletzt. Zum ersten Mal konnte ich nachvollziehen, wie es ist wenn man lediglich aufgrund seiner Hautfarbe bestimmte Eigenschaften zugeschrieben bekommt.

Trotz unser beider Überzeugung in erster Linie zwei einzigartige Individuen zu sein, die alles schaffen können (wie meiner Ansicht nach jeder Mensch!), schienen sich die Vorurteile zunächst zu bewahrheiten. John konnte die Sprache nicht, hatte keinen Job und mir wurde zuweilen zugeflüstert, ob ich es mir denn wirklich gut überlegt hätte. Das machte mich ehrlich gesagt ziemlich nervös und als Reaktion versuchte ich meiner Umwelt mit aller Kraft zu beweisen, dass wir es dennoch "schaffen" können.

Leider führte das primär dazu, dass wir nach einiger Zeit beide total verkrampft waren und uns hilflos und unglücklich fühlten. So hatten wir uns das Ganze nicht vorgestellt! Wir fingen an Familienfeiern zu meiden, weil uns die Frage "Und was macht John hier?" langsam zum Hals heraus hing. Egal wie sehr wir versuchten uns zu erklären und optimistisch zu wirken, unbewusst fällt man bei den meisten Leuten in ein Raster, aus dem man auch nicht rauskommt. Das höchste der Gefühle ist, dass man vielleicht irgendwann die glorreiche Ausnahme darstellen wird. Das unterschwellige Vorurteil bleibt aber weiterhin bestehen.

Als ich das mal verstanden habe, konnte ich anfangen loszulassen. Na gut, dachte ich, dann sind wir eben in den Augen der Welt naiv und arbeitslos. Das sagt rein gar nichts über uns als Menschen und unsere gemeinsame Zukunft aus. Das einzige was zählt ist, was wir über uns denken. Ich durfte erkennen, dass ich viele Stereotype mit meiner Anti-Haltung nur unnötig befeuert habe. Ich wollte sie bekämpfen, doch nahmen sie dadurch noch mehr Raum in meinem Inneren ein. Es war Zeit zu meiner Vision zurückzukehren! Innerlich wusste ich nämlich, dass wir füreinander bestimmt sind und eine tolle Zukunft vor uns liegt. Ein starker Glaube versetzt bekanntlich Berge... Jedenfalls fiel der Druck von uns ab. Anstatt uns verkrampft und hilflos zu fühlen, wurden wir an unsere innere Stärke erinnert und begannen die Übergangsphase mehr und mehr genießen. Wir unternahmen viele Dinge zusammen und übten uns in Dankbarkeit für das was wir haben!

John's Sprachkurs neigte sich dem Ende zu und wie es der Zufall so wollte, fand er genau in dieser Zeit einen gut bezahlten Job in einer Technologiefirma direkt bei uns um die Ecke. Mittlerweile verdient er um einiges mehr als ich und ist von niemandem mehr abhängig (ich habe ihn übrigens nie "aushalten" müssen, da er damals für die Zeit seines Sprachkurses finanzielle Unterstützung vom Jobcenter erhalten hat). Auch die anderen Stereotype haben sich schlussendlich nicht bewahrheitet. John ist eine unschätzbare Bereicherung für mein Leben und definitiv keine Belastung. Bisher haben wir so viel positive Unterstützung von allen Seiten erfahren und von ständigem Rassismus kann keine Rede sein (Die Deutschen sind eindeutig besser als ihr Ruf 😃).

Ich möchte dir hiermit Mut machen in erster Linie auf dein Innerstes zu hören. Es kennt deine Bestimmung und zeigt dir den Weg so viel zuverlässiger als irgendein Stereotyp. Natürlich kann niemand vorhersagen wie die Zukunft aussehen wird, doch unterschätze nicht die Macht deiner Gedanken. Tu dir also einen Gefallen und verschwende nicht deine gesamte Energie ins "Beweisen wollen". Fokussiere dich stattdessen mit aller Hingabe auf deinen Weg.

Der Erfolg wird dir auf lange Sicht Recht geben und ist letztlich das beste Mittel gegen hartnäckige Stereotype. (Und die, die immer noch an diesen festhalten wollen, sollen das auch tun. Sie werden sich von nichts und niemanden umstimmen lassen, denn dann müssten sie sich ja ihre eigenen ungerechtfertigten Vorurteile schmerzhaft eingestehen).

Alles Liebe,
Mira

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