Sonntag, 30. April 2017

Warum ich mir einen "vorurteilsfreien Raum" für die eigenen Vorurteile wünsche

Ich kann sie nicht leiden und doch bin ich voll mit ihnen: Vorurteile! Ich könnte schreien, wenn Leute sich völlig unreflektiert ein Urteil über andere Leute erlauben, ohne diese wirklich zu kennen. Im Grunde verspüre ich eine tiefe Abneigung gegen jegliche Form von Bewertung, sei es positiv oder negativ. Warum können wir nicht einfach so sein wie wir sind?

Doch Bewertung ist Teil unseres Gesellschaftssystems und keiner kann sich ihr gänzlich entziehen. Glaubt mir, ich habe es seit jeher versucht; habe mir sämtliche kritische Kommentare verkniffen und versucht meine Äußerungen möglichst neutral zu formulieren. Doch alles, was das gebracht hat, ist eine noch stärkere Verurteilung meiner selbst für jedes Mal, wo es mir nicht gelungen ist. Es ist verdammt anstrengend mit der Erwartung "vorurteilsfrei" durchs Leben zu gehen.

Es hat lange Zeit gedauert bis ich mir offen eingestehen konnte, dass ich trotz bester Absichten und mehrerer binationaler Partnerschaften nicht frei von diskriminierenden Vorurteilen bin. Wie soll es auch anders sein? Schließlich sind wir alle in einem rassistischen System aufgewachsen. Wir haben in frühen Jahren die abfälligen Bemerkungen unserer Umwelt als die Wahrheit aufgesogen und später unhinterfragt reproduziert.

Wir wollen uns nicht mit dem Schmerz auseinandersetzen, der mit einem Eingeständnis unserer Mitverantwortung einhergeht. Das ist verständlich, doch nimmt es uns die Möglichkeit zur Heilung. Indem ich mir meiner Vorurteile bewusst werde ohne sie erneut als "schlecht" oder "rassistisch" zu beurteilen, kann ich erkennen, was sich dahinter verbirgt: Ein Urteil im Kopf, jedoch niemals die ganze Wahrheit.

Das meine ich mit einem "vorurteilsfreien Raum" für die eigenen Vorurteile. Wir alle können tiefe Einblicke in unsere menschliche Psyche gewinnen, wenn wir uns auf diesen liebevollen Bewusstmachungsprozess einlassen. Vorurteile sind meiner Meinung nach nicht das wahre Problem. Das wahre Problem sehe ich vielmehr in der Unterdrückung und Verneinung unserer bereits existierenden Urteile. Denn dann füttern wir sie ungewollt und sind vielleicht selbst völlig schockiert, wenn sie sich in verletzenden Worten und Taten Ausdruck verschaffen.

Keiner von uns möchte gerne "rassistisch" sein, doch wem ist damit gedient, wenn wir einfach aufhören laut auszusprechen was wir im Innersten denken und fühlen? Natürlich wäre es wünschenswert, dass wir manche Gedanken nicht hätten, doch solange sie noch da sind, sollten wir den Mut haben dazu zu stehen und sie zum Thema zu machen.

Was wäre möglich, wenn es mehr solcher vorurteilsfreien Räume geben würde? Wo man offen und ehrlich seinen dunkelsten Geheimnissen begegnen kann und statt weiterer Verurteilung Liebe und Annahme erfährt?

Wir können uns nur von jahrhundertelangen Konditionierungen befreien, wenn wir den Mut haben ihnen ins Gesicht zu schauen und sie als kollektive Schöpfungen aus der Vergangenheit entlarven. Durch unsere Annahme können sie sich auflösen und es entsteht Raum für etwas Neues: Die verbindende Kraft der Liebe. Wir erkennen unsere Irrtümer und können uns fortan als Brüder und Schwestern begegnen, die im Grunde alle voneinander lernen können. Das ist zumindest meine Vision 😊

In Liebe,
Mira


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