Sonntag, 9. April 2017

Verantwortungsvoller Umgang mit dem eigenen Weiß-Sein


„Rassismus verletzt unsere ganze Gesellschaft, und bei genauem Hinsehen sind in jedem rassistischen System alle Menschen auf unterschiedliche Art betroffen. Weiße Menschen verlieren ihre Würde, wenn sie Rassismus ausüben oder geschehen lassen.“ (Sow 2008)

Das obige Zitat der afrodeutschen Musikerin Noah Sow verweist sowohl auf die Allgegenwärtigkeit rassistischer Gewalt, die eine säuberliche Trennung von ‚Betroffenen’ und ‚Nichtbetroffenen’ verbietet, als auch darauf, dass Rassismus den Verlust von Würde für Weiße bedeutet (nicht nur, wenn sie ihn ausüben, sondern ebenso, wenn sie ihn geschehen lassen).

So genügt es als Weißer mit antirassistischem Anliegen nicht, sich in Solidarität zu üben, nicht aktiv zu diskriminieren oder diejenigen, die das tun, anzugreifen. Selbst wenn wir ein antirassistisches Selbstverständnis haben, so sind wir doch aufgrund unserer gesellschaftlichen Position Teil einer Struktur, die uns zumindest von weißen Räumen nicht ausschließt (u.a. Familienfeiern, Vereine, Kneipen, Cafés und Discos, Parks, Wohngegenden, ganze Städte, Schulen, Universitäten und Betriebe). Weiße haben somit Anteil an einer rassistischen Struktur, welche sie wiederum elementar prägt.

Es ist wichtig zu verstehen, dass wir als Weiße von Rassismus profitieren, ob wir dies individuell wollen oder nicht. Um sich mit dem eigenen Weiß-Sein auseinandersetzen zu können, ist es notwendig, darüber zu reflektieren, wie wir selbst sozialisiert wurden und woher unsere weißen Privilegien kommen. Diese Auseinandersetzung ist meist unangenehm, da unsere weißen Privilegien offengelegt werden (darunter auch das Privileg, sich nicht mit der eigenen Position auseinandersetzen zu müssen).

Insbesondere liberalen, demokratisch gesinnten Weißen fällt es schwer, sich mit ihrem Weiß-Sein auseinanderzusetzen, da sie sich dann mit ihrer eigenen dominanten Position und die damit verbundenen Privilegien konfrontiert sehen. Diese Erkenntnis widerspricht dem eigenen Selbstbild und es entsteht ein Konflikt, der abgewehrt wird, indem die Auswirkungen dieser privilegierten Position geleugnet beziehungsweise verharmlost werden (vielleicht habt ihr diese Dynamik bereits bemerkt, als es auf eurem Vorbereitungsseminar für einen Freiwilligendienst im Ausland um genau dieses Thema ging).

Im Folgenden stelle ich euch die häufigsten Abwehrmechanismen im Umgang mit dem eigenen Weiß-Sein vor (vgl. "Weißsein" und "Deutschsein" von Katharina Walgenbach).

Farbenblindheit
Menschen, die sich als „farbenblind“ bezeichnen, wollen rassistische Wahrnehmungsmuster und die Privilegien von Weiß-Sein unterwandern, indem sie sich weigern, Menschen über ihre Hautfarbe wahrzunehmen. Sie verstehen ‚Rasse‘ als etwas, das nur negativ, aber nicht positiv diskriminiert, so, als wäre es nur das ewige Reden über ‚Rasse‘, das Rassismus am Leben erhält. Die Vermeidung, sich wirklich radikal mit der eigenen „Hautfarbe“ und allem, was sie beinhaltet auseinanderzusetzen bedeutet jedoch lediglich sich nicht in historischen Zusammenhängen verorten zu müssen, in denen Weiße als Unterdrücker aufgetreten sind. Insofern ist das Gleichheitspostulat hier weniger als ein Entgegenkommen gegenüber Schwarzen, sondern vielmehr in seiner Schutzfunktion für  Weiße zu sehen, die so ihre eigenen negativen Vorstellungen und Gefühle abwehren und das „positive Selbst“ zu schützen versuchen. Für Schwarze Menschen bedeutet eine farbenblinde Gesellschaft daher keine Verbesserung. Ganz im Gegenteil, denn wenn alle Menschen als gleich betrachtet werden, alle vom gleichen Punkt aus starten, bedeutet das, dass niemand speziell gefördert werden muss. Ungleicher Zugang zu Ressourcen wird dabei außer Acht gelassen. Es werden Standardstrategien entwickelt, wobei es in einer weißen Mehrheitsgesellschaft, für Weiße unsichtbar bleibt, dass diese Standards weiße Standards sind, die eben nicht für alle passen. Schwarze Menschen werden auf diese Weise erneut benachteiligt´.

Bagatellisierung
Weiße erklären sich stundenlang, wenn sie Rassismus vorgeworfen bekommen. „Ich habe das nicht so gemeint“; „Du hast mich da falsch verstanden“; „Ich war gerade total nervös und mir ist das nur so rausgerutscht“; Sie reduzieren rassistische Situationen auf einen individuellen Ausrutscher anstatt anzuerkennen, dass sie durch die westliche Kultur stark von rassistischen Denkweisen und Strukturen geprägt sind. Weiße ignorieren gerne, dass Rasse etwas mit Macht zu tun hat. Die Reaktion selbst wird in den Mittelpunkt gestellt und als zu emotional, subjektiv oder einfach nicht gerechtfertigt bezeichnet.  Dadurch verkommt Rassismus zu einer Art kulturellem Missverständnis. Auch (bewusst) das Thema zu wechseln, wenn die Sprache auf Rassismus oder die eigene privilegierte Position fällt, ist eine Form, Rassismus zu bagatellisieren.

Vereinnahmung
Die Diskriminierung aufgrund eines rassischen Konstrukts wird mit Diskriminierungen aus anderen Bereichen gleichgesetzt, zum Beispiel mit sexistischer Diskriminierung. Weiße trivialisieren und reduzieren Rassismus, indem sie ihn mit anderen Unterdrückungsmechanismen vergleichen. „Wir sind doch alle im Kapitalismus unterdrückt.“ Weiße messen Rassismus demnach an der eigenen Wahrnehmung. Wenn sie sich sicher fühlen, gibt es auch keinen Rassismus. „Ich fand das aber gerade nicht so schlimm, dass dies oder jenes gesagt wurde.“ Weiße behalten sich vor zu entscheiden, was rassistisch ist. Das weiße Subjekt konstruiert sich dabei als bestimmende Instanz, dessen Absicht und Einschätzung mehr zählt als jede andere Wahrnehmung.

Zeitliche und räumliche Verortung
„Rassismus gibt es in der rechtsextremen Szene aber nicht hier!“ Rassismus wird in der Öffentlichkeit bevorzugt als Praxis extremistischer Gruppierungen benannt, nicht aber als alltägliche Diskriminierungsform und als Weltbild, das in der Mitte der Gesellschaft verankert ist. Eigene Nähen zu rassistischen Vorstellungen können dadurch ignoriert werden. Rassismus tritt stets als Problem von anderen auf, die nicht ‚wir’ sind. Im deutschen Kontext fällt es besonders schwer anzuerkennen, dass es Rassismus in dieser Gesellschaft gibt, da der Rassismus-Begriff auf die nationalsozialistische Judenverfolgung fixiert worden ist und man von sich selbst glauben wollte, alles damit Zusammenhängende hinter sich gelassen zu haben.

Das System weißer Dominanz zu Fall bringen
Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem eigenem Weiß-Sein schließt jedoch immer die Beschäftigung mit den eigenen Abwehrmechanismen ein. Das System weißer Dominanz kann schließlich nur von innen heraus zerstört werden. Das heißt, wir selbst müssen ein ausreichendes Maß an Sensibilität dafür entwickeln, unsere eigene Position der strukturellen Macht wahrzunehmen, zu reflektieren und dafür Verantwortung zu übernehmen. Eine solche kritische Selbstreflexion ist ein langer Weg und schlägt sich zunächst meist in Verhaltensunsicherheiten sowie Scham- und Schuldgefühlen im Umgang mit Schwarzen nieder. Die Folgen sind entweder, Begegnungen mit Schwarzen gänzlich auszuweichen oder aber die herabsetzenden Klischees und Gefühle zu leugnen und sich überfreundlich im Beisein von Schwarzen Mitmenschen zu verhalten. Nach einer weiteren Phase der Scham über die eigenen Rassismen, kann jedoch zu einer Einsicht in die eigenen Privilegien und zu einer sensibilisierten Wahrnehmung von Rassismus gelangt werden. Auf der Basis dieses reflektierten Weiß-Seins können dann neue Wertvorstellungen und Handlungsalternativen entwickelt werden, die einhergehen mit einer veränderten, kongruenten Selbst- und Fremdwahrnehmung. Die oben beschriebenen inneren Spannungen aufgrund der fortwährenden Angstabwehr würden wegfallen. Die Gemeinsamkeiten, die zwischen Menschen verschiedener Herkunft bestehen, würden wahrnehmbar und erfahrbar. Die Unterschiede können gesehen werden, ohne dass sie eine Bedrohung darstellen und hierarchisiert werden. Verschiedenheit wird vielmehr als Herausforderung und Bereicherung erlebt. Schließlich können interkulturelle Beziehungsstrukturen geschaffen werden, die die gesellschaftlichen Machtverhältnisse nicht länger fortführen, sondern den Gedanken der Gleichberechtigung repräsentieren.

Die afrodeutsche Dichterin May Ayim hat einmal gesagt: „Die Wut der Schwarzen Frauen sollte auch die Empörung von weißen Frauen sein, denn wir alle werden mit Lügen, Halbwahrheiten und Mythen verdummt und manipuliert“ Mit diesem Zitat möchte ich betonen, dass eine rassistische Welt für niemanden die beste aller Welten sein kann – auch nicht für uns als profitierende Weiße.

Herzlichst,
Mira

(PS: Der Text ist ein abgewandelter Ausschnitt aus meiner Hausarbeit zu dem Thema. Bei Interesse schicke ich euch den Originaltext gerne zu)



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