Sonntag, 26. März 2017

Die Bedeutung des Weiß-Seins und wie sehr wir im Alltag davon profitieren (ob wir wollen oder nicht)




In der Kritischen Weißseinsforschung (engl: critical whiteness studies), stehen die Begriffe Schwarz und Weiß nicht etwa für Hautfarben, sondern werden als soziale Konstruktionen verstanden. Sie kennzeichnen verschiedene Perspektiven auf die Gesellschaft, verschiedene Orte oder Positionen, von denen aus gesprochen wird.



Schwarz & Weiß als Analysekategorien
Die Kulturwissenschaftlerin Peggy Piesche bezeichnet Schwarz als eine „Identität der Unterdrückungserfahrungen, die alle Gruppen von people of color einschließt“. Somit steht die Bezeichnung Schwarz für alle Menschen, die aufgrund körperlicher und kultureller Fremdzuschreibungen der weißen Dominanzgesellschaft als „anders“ und „unzugehörig“ definiert werden und dadurch Opfer oder Projektionsfläche von Rassismen sind.

Als Weiß werden Menschen bezeichnet, die nicht Opfer von Rassismen werden. Dennoch ist Weiß-Sein nicht als absolute Strukturkategorie zu sehen, da ein weißer deutscher Leiter eines Großunternehmens eine andere Machtposition inne wohnen hat als eine weiße deutsche Studentin. Diese Position unterscheidet sich wiederum von der einer weißen ukrainischen Obstpflückerin in Spanien. Rassifizierte Machtstrukturen korrelieren hier mit anderen Kategorien wie Nationalität, Klasse, formaler Bildungsgrad, Gender oder sexueller Orientierung.

Die Verwendung von binären Kategorien wie Schwarz und Weiß birgt aber immer auch die Gefahr, diese Kategorien weiter festzuschreiben und ihnen eine Essenz zu geben, obwohl sie eigentlich Konstrukte sind und nicht unnötig verfestigt werden sollten.

Trotzdem müssen Machtstrukturen beschreibbar sein, da die Nichtbenennung sie nur noch mächtiger macht. Von daher ist die Fokussierung auf der Differenz zwischen Weiß und Schwarz aus analytischer Sicht durchaus gerechtfertigt: Nicht als festschreibender Vorgang, sondern als strategische Markierung, um der weißen Position die Privilegien der Universalität und Unsichtbarkeit nehmen zu können.


Weiß-Sein als unsichtbare Norm
Eine weiße Position zeichnet sich speziell dadurch aus, dass sie  normalerweise keine explizit weiße Position ist. Weiße Menschen sind es nicht gewohnt, sich selbst als weiß zu bezeichnen. Ihre Hautfarbe scheint keine Rolle zu spielen, denn sie ist die unsichtbare Norm, die nicht markiert ist. So nennen weiße Deutsche bei ihrer Beschreibung gerne Dinge wie Beruf, Alter, Geschlecht, religiöse Orientierung und Familienstand. Weiß-Sein ist in der Regel als Selbstkonzept nicht bewusst vorhanden.

Die Schaffung eines Menschenbegriffs, der die weiße Hautfarbe bereits beinhaltet, hat zu einer nur schwer verrückbaren Festlegung aller Nicht-Weißen auf eine „Andersartigkeit“ und „Abweichung“ geführt. In den Worten der Musikerin Noah Sow: „Weiße Menschen sind Menschen, während schwarze Menschen schwarze Menschen sind“ 


Weiß-Sein als System der Privilegierung
Bei der Diskussion um Weiß-Sein passiert es daher leicht, dass der Blick immer wieder auf das Andere, auf das Schwarz-Sein, gelenkt wird. Weißen fällt es im Normalfall nicht schwer zuzugeben, dass Schwarze diskriminiert werden. Die weiße Privilegierung wird hingegen sehr viel seltener thematisiert. In der klaren Benennung des eigenen Weiß-Sein liegt jedoch ein große Vorteil gegenüber dem Begriff Rassismus, denn über "Rasse" und Klasse zu sprechen heißt primär über Schwarze und Arme zu sprechen. Dagegen thematisiert Weiß-Sein stärker die bisher unmaskiert gebliebene Machtposition und verdeutlicht damit, dass letztlich alle Menschen von Rassismus betroffen sind.

Im Alltag bedeutet Weiß-Sein meist bestimmte Erfahrungen nicht zu machen. Es bedeutet zum Beispiel, nicht als exotisch wahrgenommen zu werden, nicht gefragt zu werden, woher man kommt und wann man zurück geht. Da man bestimmte Erfahrungen nicht macht, genießt man unverdiente Vorteile, in anderen Worten: Privilegien. Hier sind einige solcher Privilegien:

o   Weiße sind überall in der Öffentlichkeit und in den Medien präsent. Ihre Repräsentation ist dabei stets individuell, vielfältig und heterogen. Sie werden nicht als Weiße stereotypisiert. Sie haben Namen, Berufe, politische Orientierungen. Man findet sie an den verschiedensten Orten der Welt, und sie werden als handlungsmächtig angesehen.

o   Wenn Weiße ihre berufliche Zukunft planen oder daran denken, sich sozial oder politisch zu betätigen, müssen sie sich keine Gedanken oder gar Sorgen machen, ob sie auf Grund ihrer Hautfarbe akzeptiert werden. Die eigene Kompetenz wird nicht auf Grund der Hautfarbe in Frage gestellt, und wenn es um Themen wie Zivilisation und Fortschritt geht, kann davon ausgegangen werden, dass es sich um die Angelegenheit weißer Leute handelt. Weiße genießen also das Privileg dazuzugehören, es werden „ihre Themen“ verhandelt und in Konkurrenzsituationen werden sie in aller Regel vorgezogen und zwar so, dass sie dies nicht in Beziehung zu ihrem Weiß-Sein setzen müssen.

o   Weiße genießen in Deutschland den Schutz der Anonymität. Die Aufmerksamkeit ist nicht ständig auf sie gerichtet. Weil sie das Recht haben dazuzugehören, ist ihre Zugehörigkeit selbstverständlich.

o   Weiße besitzen die Möglichkeit eher selbst zu bestimmen, wie weit sie sich anderen gegenüber öffnen wollen. Schwarzen hingegen passiert es häufig, dass sie von völlig unbekannten Personen über ihre Herkunft ausgefragt werden. Demgegenüber haben Weiße viel eher die Kontrolle darüber, wann sie über persönliche Themen sprechen wollen.

o   Weiße haben die Wahl, sich mit Rassismus auseinander zu setzen oder auch nicht. Wenn sie keine Lust mehr haben, wenn es ihnen beschwerlich oder unangenehm wird, können sie ihr Interesse auf etwas anderes richten. Schwarzen Menschen ist dies nicht möglich. Sie müssen sich ihr Leben lang mit Rassismus auseinander setzen.

o   Weiße haben das Privileg allem einen Namen geben und die Welt einordnen zu dürfen. Wenn nicht sie, sondern jemand anders etwas entdeckt oder benannt hat, wird es so lange nicht akzeptiert, bis ein Weißer dies bestätigen kann.

Das sind wie gesagt nur ein paar Beispiele und auch sicherlich nicht in Stein gemeißelt. Mich interessiert wie du zu dem Thema stehst und was für Erfahrungen du gemacht hast. Schreib mir also gerne einen Kommentar.


Herzlichst,

Mira


Hier noch ein paar Literaturvorschläge zum Thema:

-  Sow, Noah (2008): Deutschland Schwarz Weiß. Der alltägliche Rassismus.

Susan Arndt (2005.): AfrikaBilder. Studien zu Rassismus in Deutschland.

-  Maureen Maisha Eggers u.a. (2005): Kritische Weißseinsforschung in Deutschland. Mythen, Masken und Subjekte.

-  Wachendorfer, Ursula (2006): Weiss-Sein in Deutschland. Zur Unsichtbarkeit einer herrschenden Normalität.

-  Wollrad, Eske (2005): Weißsein im Widerspruch. Feministische Perspektiven auf Rassismus, Kultur und Religion.

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