Sonntag, 15. Januar 2017

Erfahrungen aus der Flüchtlingsarbeit

Seit einigen Monaten arbeite ich in einem lokalen Flüchtlingsprojekt. Dessen Ziel ist es, die Zuwanderer an den deutschen Arbeitsmarkt heranzuführen und sie dadurch "zu integrieren".
In der anfänglichen Vorstellungsrunde erzählte ich ganz überschwänglich, dass ich, anstatt Religion, an die verbindende Kraft der Liebe glaube.Wie schwer es werden würde, dieses edle Prinzip auch in Praxis zu tragen, konnte ich zu dem Zeitpunkt noch nicht ahnen. Ich hing mich zunächst mit meinem ganzen Elan in die Vorbereitungen der Unterrichtsstunden und überlegte, welche Informationen denn nun eigentlich wirklich essentiell für die Teilnehmer wären. Schon nach wenigen Tagen merkte ich, dass die Gruppe extrem heterogen zusammengesetzt war und ich den unterschiedlichen Bedürfnissen auf keinen Fall gänzlich gerecht werden konnte.

Phase der Desillusionierung
Eines der größten Probleme ist tatsächlich die Sprache.  Es gibt so vieles, was ich sagen möchte und mit Sicherheit auch ebenso viel, was die Teilnehmer mir mitteilen möchten. Doch der eingeschränkte Wortschatz kostet beide Seiten viel Kraft und Mühe. Nach dem Unterricht bin ich jedes Mal fix und fertig, weil ich drei Stunden mit Händen und Füßen versucht habe eine bestimmte Thematik zu vermitteln. Mittlerweile versuche ich daher das Ganze extrem runterzubrechen und lieber über Alltagsthemen in einen lockeren Austausch zu gehen, wo die Teilnehmer die Richtung und das Tempo bestimmen können. Das ist aber auch nicht so einfach, weil erstmal eine gewisse Dynamik aufkommen muss und es immer welche gibt, die sich so gut wie nie aktiv an den Diskussionen beteiligen. Das ist dann so ein Drahtseilakt: die eine Hälfte fühlt sich überfordert von dem Sprachniveau, die Anderen sind unterfordert, weil sie viel schneller alles aufsaugen als der Rest. Wieder andere sind gedanklich mit viel elementareren Problemen befasst und schalten daher innerlich auf Durchzug.

Umgang mit traumatisierten Teilnehmern
Die überwiegende Mehrzahl meiner Teilnehmer haben Krieg und Vertreibung miterlebt und ich soll ihnen etwas über Vorstellungsgespräche und Zeitmanagement erzählen? Sicherlich alles wichtiger Input, aber nur schwer aufnehmbar für Menschen mit traumatischen Erfahrungen. Viele Teilnehmer kämpfen mit Schlafstörungen, Ohnmachtsgefühlen und Angst um die Zurückgebliebenen im Heimatland. In ihr altes Leben können sie nicht mehr zurück, doch nach vorne geht es auch nur sehr schleppend. Immer wieder erleben sie Rückschläge. Teilweise wegen ihren unrealistischen Erwartungen, oft aber auch wegen der Trägheit und Unflexibilität der deutschen Bürokratie. Alles dauert deutlich länger als erwartet und so befinden sich viele für eine gefühlt endlose Zeit in der Warteschleife und damit in einem andauernden Zustand der Ungewissheit. Wie geht es für mich weiter? Ist hier ein Platz für mich? Habe ich überhaupt das Zeug dazu es in dieser reglementierten Gesellschaft zu "schaffen"?

Offener Dialog auf Augenhöhe
Auch viele Deutsche kennen die Angst vorm Scheitern, die einen umtreibt und blind macht für die schönen Seiten des Lebens. Gewiss, die aktuelle Situation zahlreicher Flüchtlinge hat wenig Erfreuliches zu bieten und trotzdem denke ich, dass es gerade deswegen unsere Pflicht ist, das wenige Gute verstärkt in den Fokus zu rücken und wo immer es geht Mut zu machen anstatt auf den Defiziten rumzureiten. Sitzen wir nicht letztlich alle in einem Boot (wenn auch in unterschiedlichen Klassen)? Ein erster Schritt ist die gegenseitige Annäherung, und die geschieht nur durch Kontakt. Beide Seiten müssen bereit sein sich auf authentische Weise in die Augen zu schauen und den anderen wahrnehmen mit all seinen Ängsten und Unsicherheiten. Ein offener Dialog muss gesucht und gefördert werden. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass wir im Grunde unseres Herzens alle die gleichen Bedürfnisse nach Sicherheit, Zugehörigkeit, Akzeptanz und Liebe haben. Wann wachen wir endlich auf und schließen unsere Brüder und Schwestern in die Arme?

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