Sonntag, 13. November 2016

Weltweit lieben - Neues Leitbild für internationale Freiwilligenarbeit?!?

Oft fragen sich junge Freiwillige nach dem tieferen Sinn und dem Nutzen ihres Aufenthaltes für die lokale Bevölkerung. Ausgehend von der Kritik an einer eher defizitorientierten Entwicklungshilfe spricht man heutzutage lieber von Lerndiensten unter dem Motto "Lernen durch tatkräftiges Helfen". Doch was bedeutet das konkret? Wer lernt hier was und von wem? Die Freiwilligen erhoffen sich mitunter interkulturellen Austausch, das Verbessern ihrer Sprachkenntnisse und die Möglichkeit sich in einem neuen Arbeitsfeld auszuprobieren. Das ist alles schön und gut, doch hat die lokale Bevölkerung herzlich wenig von dieser Form von "Lerndienst". Die Freiwilligen, die ich kennenlernen durfte, gehen daher sehr kritisch mit den Strukturen ihres Auslandsprogrammes um.

Begegnungen zwischen Menschen ermöglichen 

Auch ich in meiner Funktion als Mentorin und ehemalige Freiwillige musste mir des öfteren die Frage nach dem tieferen Nutzen dieser Programme stellen und bin für mich zu folgender Einsicht gekommen: Freiwilligendienste ermöglichen Begegnungen zwischen Menschen und Kulturkreisen, die auf den ersten Blick völlig unterschiedlich erscheinen. Ein Kulturschock macht sich breit, doch durch den intensiven Kontakt im Projekt und im Privaten merken beide Parteien schnell, dass sie gar nicht soo verschieden sind. Es wird zusammen gelacht, gefeiert und sich unterstützt. Ein Gefühl der Vertrautheit stellt sich ein und die Menschen fangen an sich auf einer tieferen Ebene zu öffnen. Die Grenzen im Außen und im eigenen Denken treten mehr und mehr in den Hintergrund und es gibt Momente, da begegnen sich schlichtweg zwei Menschen in ihrem So-Sein.

Qualität der grenzenlosen Liebe  

Wenn man diesen Zustand dann nicht sofort wieder mit gedanklichen Konzepten überfrachtet, erahnt man die Qualität der grenzenlosen Liebe. Diese Erfahrung ist kostbar und verändert die eigene Sichtweise fundamental. Aus Fremden sind Freunde geworden und auch wenn sich die Wege bald wieder trennen mögen, bleibt dennoch das Gefühl inniger Verbundenheit. Denn so unterschiedlich sind wir im Grunde unseres Herzens gar nicht. Sehnen wir uns nicht alle nach innerer Zufriedenheit, der Entfaltung unserer Potentiale und dem Gefühl von Zugehörigkeit? Jeder kennt grundlegende Gefühle wie Angst, Trauer und Liebe; im Umgang mit den Herausforderungen des Lebens können wir also viel voneinander lernen. Auf dieser Ebene gibt es keine ökonomische Einteilung in Gönner und Bettler. Im Gegenteil, wir alle haben einen reichen Erfahrungsschatz, den wir miteinander teilen können. Denn wir alle blicken auf das Mysterium "Leben", wenn auch aus ganz unterschiedlichen Perspektiven.

Vielfalt als Bereicherung für alle

Doch ist diese Vielfalt nicht eine ganz wunderbare Bereicherung für alle? Der Austausch ist daher nicht nur "interkulturell" sondern immer auch ein Stück weit "spirituell" und "universell". Wir Westler teilen unser Wissen und unsere Technologien und erhalten im Gegenzug die Möglichkeit mit unserer tiefen Menschlichkeit in Kontakt zu treten, welche uns unter einem eher rational ausgerichteten Weltbild immer mehr abhanden zu kommen droht. "Afrika hat mich mit meinem Herzen verbunden", wie ich gerne zu sagen pflege. Das heißt ich bin empfänglicher geworden für die verbindende Kraft der Liebe und aus diesem Grund schlage ich "weltweit lieben" als mein neues Motto für internationale Freiwilligendienste vor.

In diesem Sinne,
Mira

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